Miesmuscheln können Plastik-Partikel aufnehmen
Nadia von Moos schrieb eine Masterarbeit über microplastics. Sie hat dabei herausgefunden, dass Miesmuscheln die kleinen Kunststoffpartikel aufnehmen und akkumulieren können. Wie sich zeigt, leidet darunter auch die Gesundheit der Tiere.

Die ersten 3 Gefässe beinhalten exponierte Muscheln, die hinteren 3 die Kontroll-Muscheln (ohne Plastik).
Im Rahmen ihrer Masterarbeit untersuchte Nadia von Moos, ob Plastik Partikel (microplastics) von Miesmuscheln durch ihre Filteraktivität aufgenommen werden können und falls ja, ob dies gesundheitliche Auswirkungen hat. Hierzu führte sie im Labor eine Versuchs-Reihe durch, in der Miesmuscheln über verschiedene Zeiten den microplastics exponiert wurden. Miesmuscheln ernähren sich von Plankton, das sie mit ihren Kiemen aus dem Wasser filtern. Für das Experiment verwendete sie ein bestimmtes Kunststoff Pulver, das als Modell für die kleinen Kunststoffpartikel in den Weltmeeren diente (so genanntes High-Density-Polyethylene Pulver, HDPE-Pulver) und Partikelgrössen von 0–80µm enthielt. Von Moos setzte für jede Gruppe von exponierten Miesmuscheln auch eine Kontroll-Gruppe (mit Wasser ohne Kunststoff Partikel) auf. Danach wurde das Muschelgewebe der Mitteldarmdrüse beider Gruppen auf Zell-Ebene ausgewertet und verglichen. Mit standardisierten Biomarkern (das sind für die Medizin oder Biologie messbare Produkte von Organismen, die als Indikatoren für beispielsweise Umweltbelastungen oder Krankheiten herangezogen werden können) konnte der Gesundheitszustand der Tiere untersucht werden. Es zeigte sich, dass sich HPDE-Partikel im Gewebe der Muscheln befanden, die microplastics ausgesetzt worden waren.
Da es keine etablierte Methode gibt, wie Plastikpartikel oder die von ihr eingesetzten industriellen HDPE-Partikel im Gewebe nachgewiesen werden können, musste Nadia von Moos für die mikroskopische Visualisierung der Partikel im Muschelgewebe eine eigene Methode herausfinden. Polarisiertes Licht erwies sich dafür als geeignet.
Die Resultate dieser Masterarbeit zeigen, dass Miesmuscheln Plastik-Partikel aufnehmen und akkumulieren können. Die HPDE-Partikel können in Zellen eindringen und den Gesundheitszustand der exponierten Miesmuschel beeinträchtigen. Diese Untersuchung zeigt, dass microplastics potentiell in die Nahrungsketten gelangen könnten.
RSS-2.0-Feed | Kommentar abgeben | Trackback setzen


31. Oktober 2010, 04:24 Uhr
Microplastics…
[…] something about microplastics[…]…
16. Januar 2012, 10:24 Uhr
Wir hatten neulich Miesmuscheln zum Essen, die deutlich erkennbar grüne Plastikverwachsungen hatten (habe auch ein Bild gemacht). Gibt es bereits Zahlen, die bestätigen, wie häufig so etwas vorkommt? Passiert dies auch mit anderen Meerestieren? Inwieweit ist die Nahrungsaufnahme für den Menschen gesundheitsschädlich bzw. wird das Plastik einfach wieder ausgeschieden oder lagert es sich auch im Körper ab? Für Antworten wäre ich sehr dankbar.
16. Januar 2012, 12:57 Uhr
Leider ist der ganze Themenbereich immer noch sehr wenig erforscht. Die von Ihnen gestellten Fragen sind Bestandteil der Tsunami Debris Expedition vom Mai/Juni2012. Die Expeditionsroute führt von den Marshall Islands nach Tokyo und von da nach Hawaii. An Leg 2 (Tokyo-Hawaii) werde ich (Laura Iten) als Blogautorin teilnehmen und zusammen mit 5Gyres/Algalita und Pangaea den Pazifik überqueren. Ich hoffe, wir werden konkrete Antworten auf genau diese Fragen finden. Eine offizielle Ankündigung der Expedition folgt in Kürze. In der Zwischenzeit versuchen wir, Nadia von Moos zu kontaktieren bzw. Antworten von ihr zu dieser Frage zu erhalten. Wir würden die hier publizieren.
17. Januar 2012, 11:59 Uhr
Danke erstmal für die Antwort. Ich habe mir schon gedacht, dass das Gebiet kaum erforscht ist, zumal ich kaum Google-Einträge gefunden habe. Falls Sie ein Bild von der Muschel wollen, kann ich Ihnen dies gerne schicken. Es hat den Anschein, als ob die Plastiklamellen komplett funktionstüchtig eingebaut sind, was ich schon sciencefictionverdächtig enorm erstaunlich finde.
17. Januar 2012, 20:43 Uhr
Habe gerade das hier entdeckt: http://www.vis.bayern.de/ernaehrung/lebensmittel/gruppen/miesmuscheln.htm
Was halten Sie davon?
19. Januar 2012, 11:05 Uhr
Hi Michael,
Dein Erlebnis gibt freilich Anlass zu ernsthaften Bedenken!
Es ist in der Tat so, dass sehr wenig über die Aufnahme von Plastikpartikeln in Meeresorganismen (Bioakkumulation), sowie über die potentielle Aufnahme/Weitergabe über die Nahrungskette (Biomagnifikation) und die damit in Verbindung stehenden potentiellen Folgen für die betroffenen Meeresorganismen und schliesslich den Menschen sind. Dies liegt einerseits daran, dass die Verschmutzung der Meere mit Plastik/Plastikpartikeln erst kürzlich als echtes Umweltproblem er– und anerkannt wurde. Die Thematik als Forschungsgebiet ist daher noch sehr jung und zudem mit einigen kritischen Komplikationen konfrontiert:
– Die Belastung der Meeresumwelt mit Plastikmüll ist geografisch, räumlich und zeitlich sehr unterschiedlich.
– Plastik ist nicht gleich Plastik. Es gibt eine Vielzahl von verschiedenen synthetischen Kunststoffen, wobei deren sechs (Polyethylen, Polypropylen, Polyvinylchlorid (PVC), Polystyrol, Polyurethan und Polyethylenterephthalat (PET)) den Grossteil des heutigen globalen Massenverbrauchs abdecken. Die Kunststoffe aus Verbrauchermaterialien enthalten oft Zusatzstoffe (Additive), die vom Hersteller nur selten deklariert werden. Die Zusammensetzung kann deshalb sehr stark variieren, was eine systematische Charakterisierung (und im Übrigen auch Rezyklierung) erschwert.
– Die Quantifizierung der Belastung der Meere durch Plastikstücke ist eine besondere Herausforderung, weil Plastikstücke im Meer in verschiedenen Grössen und ausserdem in verschiedenen Umweltkompartimenten (Wasseroberfläche, Wassersäule, Sediment, Küste) vorkommen und zum Teil sehr sehr kleine Grössen erreichen können (in der Grössenordnung von Plankton). Dies stellt natürlich besondere methodische Herausforderungen an die Quantifizierung der Plastik-Belastung. Bis heute existiert meines Wissens kein bestechendes und insbesondere standardisiertes Verfahren dafür.
– Kommt ein Lebewesen mit Plastik in Kontakt oder nimmt es das Plastik sogar auf, sind sowohl physische als auch chemische Schädigungen dadurch möglich. Physische Schädigungen beinhalten äusserliche (Behinderung, Strangulation etc.) und innerliche (Verletzung innerer Organe, falsches Sättigungsgefühl etc.) Schädigung. Daneben sind negative chemische Effekte durch den Kunststoff und seinen Inhaltsstoffen an sich sowie durch die adsorbierten persistenten Umweltchemikalien auf seiner Oberfläche möglich (z.B. endokrine Disruption: Störung des Hormonhaushaltes etc.). Plastikstücke im Meer reichern erwiesenermassen die ebenfalls hydrophoben persistenten Umweltgifte um bis zu einem Faktor von 106 an. Ob und wie diese angereicherten Schadstoffe in einem Lebewesen wieder abgeben werden, ist gegenwärtig noch nicht so klar aber von hohem Interesse.
All diese Punkte erschweren allgemein-gültige Aussagen zu den Risiken in Bezug auf Plastik in den Meeren. Im Übrigen muss man sich beim Betrachten von Risiken bewusst sein, dass zwei Aspekte für eine Abwägung ausschlaggebend sind: einerseits die Exposition (Konzentrationen und Zeitfaktor) und die damit verbundenen biologischen Auswirkungen (Gefährdung) gepaart mit der Wahrscheinlichkeit des Eintretens negativer biologischer Folgen (Risk= fprobability(Exposure, Hazards)). Für eine glaubwürdige Risiko-Abschätzung müssen daher immer beide Aspekte betrachtet werden. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man meines Erachtens das volle Ausmass der Risiken in Bezug auf Plastik im Meer aufgrund der Datenlage noch nicht abschätzen aber man muss davon ausgehen, dass Plastikstücke im Meer potentiell erhebliche negative biologische und ökologische Folgen verursachen können/werden, insbesondere in Anbetracht der Entwicklung der konsumierten Mengen an Plastik (und ergo den Mengen, die in die Umwelt gelangen).
Um nun zu Deinen Fragen zu kommen:
1) Gibt es bereits Zahlen, die bestätigen, wie häufig so etwas vorkommt?
Nicht das ich wüsste. Es wäre aber in diesem Zusammenhang interessant mit dem lokalen Umweltministerium Kontakt aufzunehmen, falls die betroffene Miesmuschel aus Ihrer Gegend stammte.
2) Passiert dies auch mit anderen Meerestieren?
Ja, es passiert mit einer Vielzahl von Meerestieren! Es gibt hierzu viele Studien, die ganze Listen führen mit betroffenen Arten. Laist et al. 1997 zufolge beläuft sich die Zahlt auf 267 marine Tierarten. Man muss aber davon ausgehen, dass mit steigenden Kunststoffmengen auch immer mehr betroffen sein werden. Die 267 Arten beinhalten 86% aller Meeresschildkröten, 44% aller Meeresvögel, 43% aller Meeressäugetiere und unzählige Fisch und Krebstier Arten (Laist, 1997). Am Bekanntesten sind wohl die verhungernden Fulmar (Eissturmvogel) – Küken.
3) Inwieweit ist die Nahrungsaufnahme für den Menschen gesundheitsschädlich bzw. wird das Plastik einfach wieder ausgeschieden oder lagert es sich auch im Körper ab?
Diese Frage kann ich nicht beantworten. Es gibt erste Studien, die sich damit auseinandersetzen aber mir ist keine Antwort auf diese Frage bekannt. Ansonsten: siehe Antwort zum Thema Risiken weiter oben. Nebenbei: Muscheln haben auch die Fähigkeit, Unerwünschtes aus der Nahrungsaufnahme via Pseudofaeces wieder auszuscheiden.
Es wäre im Zusammenhang mit Ihrem Erlebnis interessant zu wissen, woher die besagte Muschel stammte. Sehr gerne würde ich auch das Foto sehen! Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich hoffe Ihnen damit ein Bisschen gedient zu haben! Gerne schicke ich Ihnen auch Literatur zu diesem Thema falls erwünscht.
Mit freundlichen Grüssen,
Nadia von Moos